Wenn der Wind die Pläne bestimmt

Nach unserem Aufenthalt in Castellamare del Golfo zieht es uns weiter entlang der Nordküste Siziliens. Die Wetterprognose verspricht allerdings nichts Gutes: Gewitter, starker Wind und unbeständige Bedingungen begleiten unsere Planung. Deshalb entscheiden wir uns für einen Ankerplatz, den wir bereits vom Vorjahr kennen und schätzen – Termini Imerese. Hier haben wir schon einmal einen Sturm sicher ausgesessen.

Frühstart mit wenig Hoffnung auf Wind

Bereits um 6:20 Uhr starten die Motoren. Noch im geschützten Golf setzen wir vorsorglich das Großsegel im ersten Reff. Der Wind ist zunächst schwach und wir hoffen, dass er außerhalb der Bucht zulegt. Doch diese Hoffnung erfüllt sich nicht. Statt eines entspannten Segeltages erwartet uns eine lange Motorfahrt.

Fast zehn Stunden sind wir unterwegs. Nach 50,3 Seemeilen fällt schließlich der Anker in Termini Imerese. Bei sechs Metern Wassertiefe stecken wir zunächst 30 Meter Ankerkette – ausreichend, denken wir zumindest.

Der Wind zeigt seine Kraft

Am nächsten Tag gehen wir an Land. Es ist bewölkt, schwül und erstaunlich heiß. Gleichzeitig fällt der Luftdruck – ein deutliches Zeichen dafür, dass sich das Wetter weiter verschlechtert.

Gegen Mittag pfeifen plötzlich 40 Knoten Wind durch die Bucht. Unser Spade-Anker hält zwar zuverlässig, dennoch möchten wir auf Nummer sicher gehen. Am späten Nachmittag geben wir weitere 15 Meter Kette aus. Mit insgesamt rund 45 Metern Kette auf sechs Metern Wassertiefe schlafen wir deutlich beruhigter.

Ganz ruhig wird die Nacht trotzdem nicht. Der Wind rüttelt unaufhörlich am Boot und lässt uns immer wieder wach werden.

Abgetrieben

Wie wichtig ein sicher gesetzter Anker ist, zeigt sich eindrucksvoll am nächsten Morgen. Während wir den Wind aufmerksam beobachten, so stark ist er noch gar nicht, beginnt ein Segelboot neben uns plötzlich abzutreiben.

Für einen Moment sieht es so aus, als würde es direkt auf die Hafenmole treiben. Markus ist bereits bereit, mit dem Dinghy Hilfe zu leisten. Doch im letzten Moment bekommt die Crew die Situation unter Kontrolle, startet den Motor und ankert weiter hinten erneut. Der Wind nimmt im Laufe des Vormittags bis 40 Knoten zu.

Dieser Vorfall bestätigt einmal mehr, wie wichtig es ist, den Ankerplatz sorgfältig vorzubereiten – besonders wenn stürmische Nächte angekündigt sind.

Rauch am Horizont

Der Montag beginnt weiterhin mit kräftigen Böen um die 30 Knoten. Doch nicht nur der Wind beschäftigt uns. In der Nähe bricht ein großer Vegetationsbrand aus. Zeitweise werden sogar die Straßen Richtung Palermo gesperrt.

Zum Glück steht der Wind günstig und trägt Rauch und Asche von uns weg. Trotzdem beobachten wir das Feuer mit Sorge. Erst nach einem ganzen Tag und einer langen Nacht gelingt es den Einsatzkräften, den Brand vollständig zu löschen.

Alltag an Bord

Zwischen Wetterbeobachtung und Ankerkontrolle erledigen wir die alltäglichen Dinge. Wir füllen unsere Wasservorräte auf, kaufen Getränke sowie Lebensmittel ein und besorgen im Eisenwarenhandel einige Materialien für das Boot.

Am Abend wird es erstmals richtig gemütlich. Trotz der Gewitterlage werfen wir den Grill an und genießen eine herrliche Salsiccia. Wir haben kaum aufgegessen, ziehen auch schon schwarze Wolken über uns und wir hören Donnergrollen, dass immer näher kommt. Es wird rasch alles verstaut und Kette gegeben.

Eine Gewitterfornt zieht genau über uns hinweg 😦

Die Nacht bleibt überraschend ruhig – allerdings ist es drückend heiß.

Gewitter ziehen vorbei

Noch vor Sonnenaufgang werde ich von grellen Blitzen geweckt. Auf der Wetter-App beobachten wir riesige Gewitterzellen, die sich von Palermo aus auf uns zubewegen. Zum Glück ziehen sie nur knapp an unserer Bucht vorbei.

Der Himmel bleibt den ganzen Tag bewölkt, was nach den heißen Tagen sogar angenehm ist.

Währenddessen nutzt Markus die Zeit sinnvoll. Er baut unsere Bordküche um und konstruiert eine ausziehbare Schublade, die den Alltag an Bord deutlich komfortabler macht.

Sicher warten statt Risiko eingehen

Eigentlich möchten wir bereits weiter nach Cefalù segeln. Doch die Gewitterwahrscheinlichkeit bleibt hoch. Statt unnötige Risiken einzugehen, bleiben wir einen weiteren Tag in unserem geschützten Ankerplatz.

Inzwischen liegen nur noch vier Boote in der Bucht. Die meisten anderen Crews haben bereits abgelegt. Wir hingegen genießen die Ruhe, vertrauen unserem Anker und warten geduldig auf ein besseres Wetterfenster. Denn auf See gilt oft: Nicht Geschwindigkeit entscheidet, sondern der richtige Moment zum Aufbrechen.

Weiter nach Cefalù – endlich wieder unterwegs

Am Morgen des 29. Juli hat sich das Wetter endlich beruhigt. Um 8:30 Uhr scheint bereits die Sonne, angenehme Temperaturen begleiten den Start in den Tag und nach mehreren Tagen in Termini Imerese wächst die Vorfreude auf die nächste Etappe. Schließlich wartet noch die Straße von Messina auf uns – das Tor zu unserer Weiterreise Richtung Griechenland.

Um 8:50 Uhr starten die Motoren. Beim Ankerlichten zeigt sich, wie heftig die vergangenen Tage tatsächlich waren. Der Anker steckt tief im schlammigen Grund und hat sich hervorragend eingegraben. Mit einem Kübel Salzwasser befreien wir ihn so gut wie möglich vom zähen Schlamm, bevor wir Kurs auf Cefalù nehmen.

Bereits gegen Mittag erreichen wir die wunderschöne Bucht vor der historischen Küstenstadt. Etwa fünf bis zehn Seemeilen vor dem Hafen fällt unser Anker auf sechs Metern Wassertiefe in den Sand. Mit 30 Metern Ankerkette liegen wir sicher und genießen einen ungewöhnlich ruhigen Nachmittag.

Dolce Vita in Cefalù

Am Abend lassen wir das Boot hinter uns und schlendern durch die malerischen Gassen von Cefalù. Die kleinen Plätze, engen Straßen und die entspannte Atmosphäre versprühen echtes sizilianisches Lebensgefühl.

Etwas abseits der Touristenströme entdecken wir ein kleines Lokal und stoßen mit einem Aperol Sprizz an. Genau solche Momente machen das Leben an Bord besonders.

Zum Abendessen zieht es uns schließlich in die La Tavernetta, ein Restaurant, das wir bereits von einem früheren Besuch in bester Erinnerung haben. Auch diesmal werden wir nicht enttäuscht. Frischer Fisch, köstliche Meeresfrüchte und ein gut gekühltes Glas italienischer Weißwein sorgen für einen perfekten Ausklang des Tages.

Die Nacht verläuft außergewöhnlich ruhig. Zwar bleibt es sommerlich warm, doch eine leichte Brise bringt angenehme Abkühlung und lässt uns entspannt schlafen.

Kurs auf Milazzo

Am 30. Juli begleitet uns bereits am Morgen die Vorfreude auf den nächsten Schlag. Der Juli neigt sich langsam dem Ende entgegen und am Abend zuvor hat ein wunderschöner Vollmond den Himmel über Sizilien erleuchtet.

Um 8:10 Uhr holen wir den Anker auf und verlassen Cefalù. Unser nächstes Ziel heißt Milazzo. Einen Liegeplatz in der Marina haben wir zwar leider nicht bekommen, dennoch möchten wir dort Diesel tanken und – wenn möglich – unsere Wassertanks füllen.

Für die Nacht planen wir eine Ankerbucht in der Nähe von Milazzo. Nach den Regentagen ist unsere Amorosa gut gewaschen, sodass wir nicht zwingend auf einen Marina Aufenthalt angewiesen sind. Trotzdem hoffen wir, die Gelegenheit nutzen zu können, um endlich wieder einmal Wäsche zu waschen – besonders die Bettwäsche freut sich nach den heißen Sommertagen auf eine gründliche Reinigung.

Mit jedem Schlag kommen wir unserem großen Ziel ein Stück näher. Schon bald werden wir die Straße von Messina passieren und Sizilien hinter uns lassen. Griechenland rückt von Tag zu Tag näher.

Planänderung auf See

Am 30. Juli verlassen wir den Ankerplatz vor Cefalù mit dem Ziel Milazzo. Doch auf See hält sich niemand lange an Pläne – schon gar nicht der Wind.

Anfangs sieht alles vielversprechend aus, doch schon nach kurzer Zeit schläft der Wind komplett ein. Statt mühsam gegen die Flaute anzukämpfen, entscheiden wir uns spontan für einen neuen Kurs. Wir steuern Sant’Agata di Militello an, eine charmante Küstenstadt vor dem Capo d’Orlando. Damit verkürzen wir die nächste Etappe um fast die Hälfte und gewinnen gleichzeitig einen entspannten Zwischenstopp.

Um 13:20 Uhr fällt der Anker auf 5,5 Metern Wassertiefe. Mit 30 Metern Ankerkette liegen wir sicher – und haben die gesamte Bucht praktisch für uns allein.

Italienisches Sommerleben

Am Abend machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Zuerst wartet eine ganz alltägliche Aufgabe auf uns: Wäsche waschen. Der Weg zur Selbstbedienungswäscherei führt zwar bergauf und bringt uns ordentlich ins Schwitzen, dafür können wir gleich 15 Kilogramm Wäsche auf einmal reinigen – ein kleiner Luxus nach vielen Tagen an Bord.

Sant’Agata wirkt angenehm ruhig. Nur wenige Touristen sind unterwegs, stattdessen erleben wir italienischen Alltag. An der Hafenpromenade spielt eine Blasmusikkapelle. Die Musik erfüllt den ganzen Ort und sorgt für eine festliche Stimmung. Ob ein kirchliches Fest oder eine Feier der Seenotretter – wir wissen es nicht genau, genießen aber die besondere Atmosphäre.

Den Abend lassen wir bei einer hervorragenden Pizza ausklingen, bevor wir zu unserem Boot zurückkehren und in einen seeligen Schlaf fallen. Am Morgen weckt uns Glockengeläut.

Glockengeläut in Sant`Agata di Millitello

Endlich wieder segeln

Unser Ziel heißt heute Tindari. Schon kurz nach dem Ablegen setzen wir den Parasailor. Bei westlichem Wind mit etwa drei Beaufort zieht das Segel das Boot ruhig und gleichmäßig durchs Wasser und wir genießen für längere Zeit lautloses Segeln.

Mit zunehmendem Wind erreicht das Boot Geschwindigkeiten von bis zu 7,1 Knoten. Als die Böen stärker werden, bergen wir vorsichtshalber den Parasailor und setzen stattdessen die Genua. Die Entscheidung passt perfekt zu den Bedingungen und wir kommen weiterhin zügig voran.

Nach 25,5 Seemeilen erreichen wir gegen 13:25 Uhr die geschützte Bucht von Tindari. Da der Naturhafen sehr tief ist, lassen wir den Anker auf 17 Metern Wassertiefe fallen und stecken vorsorglich 60 Meter Ankerkette.

Plötzlich wird es ernst

Kaum eine halbe Stunde später ist die Ruhe vorbei.

Vor uns beginnt ein Motorboot unkontrolliert abzutreiben. Sein Anker hält nicht mehr und verfängt sich ausgerechnet in unserer Ankerkette. Innerhalb weniger Minuten hängen beide Boote miteinander fest.

Der kräftige Wind drückt beide Schiffe immer weiter in die Bucht hinein. Die Situation wird zunehmend kritisch. Die Crew des anderen Bootes ist sichtlich überfordert. Ihre Ankerwinsch gibt schließlich ganz den Geist auf und fällt aus.

Jetzt zählt jede helfende Hand. Ich springe ins Wasser und befestige eine Leine an unserer Kette, damit sie angehoben werden kann. Trotzdem gelingt es zunächst nicht, die beiden Anker voneinander zu lösen. Erst als Markus hinüberschwimmt und selbst an Bord des anderen Bootes mit anpackt, kommt Bewegung in die festgefahrene Situation.

Nach rund eineinhalb Stunden ist es endlich geschafft. Unser Anker ist frei und beide Boote können wieder sicher manövrieren.

Sicher für die Nacht

Wir verholen uns anschließend weit nach hinten in die Bucht und ankern erneut. Obwohl die Wettervorhersage deutlich weniger Wind angekündigt hat, bläst es kräftig in den Naturhafen hinein.

Zum Glück hält unser Anker erneut zuverlässig. Nach den aufregenden Stunden kehrt endlich Ruhe ein.

Auf dem Weg zur Straße von Messina

Die Nacht in Tindari werden wir so schnell nicht vergessen – leider nicht im positiven Sinne. Bis in die frühen Morgenstunden dröhnte laute Musik über die Bucht. Selbst unsere Ohropax konnten den Lärm nicht vollständig ausblenden. Dabei war die Nacht eigentlich wunderschön: angenehm kühl, kaum Wind und ideale Bedingungen zum Schlafen. Wäre da nicht die Musik gewesen.

Gegen 8:30 Uhr erreichten wir die Marina von Porto Rosa. Bevor es weitergehen konnte, standen noch Diesel und Wasser auf dem Programm. Der freundliche Tankwart versicherte uns, dass wir auch Frischwasser bekommen würden – immer eine gute Nachricht.

Am Ende wanderten 144 Liter Diesel in den Tank. Zusammen mit dem Reservekanister haben wir jetzt wieder 300 Liter an Bord. Die Rechnung fiel mit 428 Euro zwar nicht gerade klein aus, aber auf einer längeren Törnplanung gehört das eben dazu.

Nun nehmen wir Kurs auf die Straße von Messina. Wenn alles nach Plan läuft, werden wir die berühmte Meerenge morgen passieren. Wir sind gespannt auf diesen Abschnitt der Reise, denn dort treffen das Tyrrhenische und das Ionische Meer aufeinander – mit entsprechend starken Strömungen, die gut geplant sein wollen.


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