
Anker auf – Früh am Morgen verlassen wir unseren Ankerplatz auf Sardinien und nehmen Kurs auf Sizilien. Rund 200 Seemeilen liegen vor uns – eine Überfahrt, die Respekt verlangt – haben wir diese Strecke doch schon des Öfteren zurückgelegt und nicht immer die besten Wind- und Wetterverhältnisse vorgefunden. Das Wetterfenster sieht diesmal vielversprechend aus: Der Wind soll uns den größten Teil der Strecke begleiten, auch wenn er unterwegs mehrfach seine Launen zeigen wird.
Kaum haben wir genügend Abstand zur Küste gewonnen, setzen wir die Segel. Das Großsegel füllt sich, kurz darauf folgt die Genua. Der Motor verstummt und macht dem vertrauten Rauschen des Wassers am Rumpf Platz. Genauso fühlen sich Langfahrten an – entschleunigt, frei und ganz im Rhythmus von Wind und Wellen.

Der Sonnenaufgang taucht das Mittelmeer in warme Goldtöne. Rund 20 Knoten Wind sorgen für eine flotte Fahrt. Das Ruder übernimmt hauptsächlich der Autopilot, während die übrige Crew die ersten Stunden der langen Etappe genießt. Immer wieder trimmen wir die Segel nach, bergen die Genua, setzen sie erneut und passen unsere Segelfläche den wechselnden Bedingungen an.
Der Wind bleibt zunächst freundlich, doch das Mittelmeer zeigt schon bald seine wechselhafte Seite. Mal gleiten wir entspannt mit drei Beaufort dahin, dann frischt der Wind deutlich auf. Zeitweise setzen wir den Parasailor, der uns bei leichtem Wind mit rund sechs Knoten durchs Wasser zieht. Als Wind und Wellen jedoch rasch zunehmen, bergen wir ihn rechtzeitig, reffen das Großsegel und setzen die Genua wieder. Wenig später läuft die Yacht erneut sicher unter Segeln weiter. Genau diese Entscheidungen machen eine Hochseeüberfahrt aus – ständig beobachten, einschätzen und rechtzeitig reagieren.


Doch das eigentliche Highlight dieser Reise kündigt sich völlig unerwartet an.
Ein blinder Passagier landet an Deck
Am Abend bekommen wir überraschenden Besuch. Ein junger Falke landet völlig unvermittelt auf unserem Deck. Offenbar hat er den weiten Flug über das Meer unterschätzt und sucht eine Pause. Ganz ruhig bleibt er an Bord, beobachtet uns mit seinen wachsamen Augen und scheint sich von unserer Anwesenheit nicht stören zu lassen.
Als die Nacht hereinbricht, verschwindet er plötzlich. Wir glauben schon, er sei weitergeflogen oder habe sich irgendwo versteckt. Doch am nächsten Morgen sitzt unser kleiner Gast wieder an Deck, als wäre er nie weg gewesen.


Während wir unsere Wachen fahren und die Sonne erneut über dem Horizont aufgeht, begleitet uns der Falke weiter. Es wirkt fast so, als hätte er sich bewusst unser Boot ausgesucht. Besonders amüsant: Aus den Lautsprechern erklingt gerade Musik aus der Oper „La Traviata„. Ob ihm die Musik gefällt? Zumindest scheint sie ihn nicht zu stören – vielleicht ist sie sogar der Grund, warum er so entspannt an Bord bleibt.


Je länger unser ungewöhnlicher Gast bei uns ist, desto mehr entsteht das Gefühl, dass seine Anwesenheit mehr ist als nur ein Zufall.
Der Falke – mehr als nur ein Vogel
In vielen Kulturen gilt der Falke als ein besonders kraftvolles Symbol.
Er steht für Schutz und Führung. Ein Falke, der eine Reise begleitet, wird oft als gutes Omen angesehen und als Zeichen für eine sichere Überfahrt gedeutet.
Mit seinem außergewöhnlich scharfen Blick symbolisiert er außerdem Fokus und Klarheit. Er erinnert daran, das Ziel nie aus den Augen zu verlieren und sich auch bei wechselnden Bedingungen nicht vom Kurs abbringen zu lassen.
In der ägyptischen Mythologie verkörpert der Falke den Himmelsgott Horus und steht für göttlichen Beistand, Stärke und Erhabenheit.
Gleichzeitig ist er ein Sinnbild für Freiheit und Perspektive. Aus großer Höhe erkennt der Falke Zusammenhänge, die vom Boden aus verborgen bleiben. Vielleicht möchte er uns daran erinnern, uns immer wieder über die kleinen Herausforderungen des Alltags zu erheben und das große Ganze zu sehen.
Unser Hobby- Ornithologe Mitro bringt es mit einem Lächeln auf den Punkt: Vielleicht hat sich unser blinder Passagier genau das richtige Schiff ausgesucht.
Sizilien in Sicht
Am nächsten Mittag zeichnet sich am Horizont endlich Land ab. Zuerst erkennen wir querab die Ägadischen Inseln, wenig später liegt die Küste Siziliens klar vor uns. Das Ziel rückt greifbar nahe.
Eigentlich wollen wir in San Vito Lo Capo festmachen. Doch schon beim Näherkommen erkennen wir einen unangenehmen Schwell, der das Ankern dort ungemütlich macht. Also entscheiden wir uns spontan für einen Plan B und ändern den Kurs nach Castellamare del Golfo.

Am frühen Abend fällt dort schließlich der Anker gut geschützt vor der Hafenmole in den weichen Schlickgrund. Nach 203,1 Seemeilen liegt die Überfahrt hinter uns. Sizilien ist erreicht.

Natürlich lassen wir diesen besonderen Tag nicht an Bord ausklingen. Gemeinsam schlendern wir durch die Altstadt von Castellammare del Golfo, genießen ein köstliches sizilianisches Abendessen und stoßen auf eine Überfahrt an, die uns noch lange in Erinnerung bleiben wird – nicht zuletzt wegen eines kleinen Falken, der für kurze Zeit Teil unserer Crew geworden ist.
Hallo ihr beiden!
Voll schön (geschrieben)! Viel Spass noch B&B
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Dankeschön Ihr Lieben :-)! Liebe Grüße L&M
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